Weser Kurier – Syker Kurier: „Aus einem anderen Blickwinkel“ – Verein Mosaik veröffentlicht neues Magazin mit Fokus auf migrantische Perspektiven, 18.01.2021

„Blickwechsel“-Magazin

Aus einem anderen Blickwinkel

Niklas Golitschek 17.01.2021

Mit dem neuen „Blickwechsel“-Magazin will der Verein Mosaik auf Themen aufmerksam machen, die ausländische Mitbürger beschäftigen. Es soll Austausch ermöglichen und Lösungswege präsentieren.

Rahmi Tuncer mit der ersten Ausgabe des Magazins, das per E-Mail an rund 650 Menschen geschickt wird. (TAMMO ERNST)

Landkreis Diepholz. Eine Austauschplattform und Teil der politischen Arbeit: Mit dem neuen Magazin „Blickwechsel“ wollen die Vereine Mosaik aus Diepholz und das Anatolische Bildungs- und Beratungszentrum Bremen verstärkt migrantische Perspektiven in den Vordergrund rücken.

In der ersten Ausgabe widmen sich die Aktiven um Rahmi Tuncer den aktuellen Problemlagen bulgarischer Staatsbürger in Deutschland. Die hätten durch die Coronavirus-Pandemie zunehmend mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen. Bürokratische Verfahren erschwerten die Situation zusätzlich, obwohl vieles einfacher gehen könnte, meint Tuncer.

In den vergangenen Monaten haben die Blickwechsel-Autoren ein Muster erkannt, auf das sie nun aufmerksam machen. „Das Hauptproblem ist, dass die Menschen oft bei Leihfirmen gearbeitet haben und jetzt gekündigt wurden“, skizziert Tuncer. Er begleite selbst einige Fälle, bei denen trotz ärztlichen Attests gesetzwidrig gekündigt worden sei. „Da müssen wir sofort gerichtlich gegen vorgehen“, betont der Asyl-, Flüchtlings-, Integrations- und Migrationsberater bei Pro Asyl im Landkreis Diepholz.

Mit der Arbeitslosigkeit kamen jedoch die Folgeprobleme; zumal solche Verfahren mehrere Monate dauerten. Bei der Agentur für Arbeit hätten sie sich online arbeitslos melden müssen. „Sie konnten damit aber nicht umgehen“, merkt Tuncer an. Dadurch habe dann das Geld gefehlt, um die Miete zu bezahlen – anschließend habe es eine Kündigung gegeben. Auch bei den Krankenkassen-Beiträgen sei es zu Problemen gekommen.

Wer das vermeiden wolle, müsse sich anderweitig Geld besorgen. „In Norddeutschland sind mir mindestens zwei Abzocker bekannt, die zwar Geld verleihen, aber 20 Prozent Zinsen nehmen“, spricht Tuncer von einem weiteren Missstand. Anspruch auf Bankkredite hätten die Menschen oft nicht. Tuncer bemängelt: „Sie sind wirklich in vielen Punkten rechtlos geworden.“

So viel zum Teil der Austauschplattform, der Artikel im Blickwechsel-Magazin führt diese Thematik noch tiefgründiger aus. Mit der politischen Arbeit meint Tuncer, nicht nur zu Missstände zu kritisieren. „Wir wollen auch sagen, was man besser machen kann“, führt er aus.

Im Fall der bulgarischen Mitbürger schwebt ihm eine Art Willkommenskursus vor. Auch für diejenigen, die schon länger in Deutschland leben. Immerhin zählte der Landkreis Diepholz nach Angaben des Landesamts für Statistik in Niedersachsen Mitte 2017 rund 900 bulgarische Staatsbürger, landesweit waren es 28 000. „Wir wollen die Bulgaren selbst aktivieren“, sagt Tuncer. Er schätze die Zahlen inzwischen höher ein.

Ziel eines solchen Angebots sei, ihnen das System in Deutschland zu erklären, über Rechte und Pflichten aufzuklären. Wie funktioniert die Agentur für Arbeit? Wie funktionieren die Schulen und Kindergärten? Oft seien grundlegende Fragestellungen nicht bekannt. Tuncer denkt, an einem Wochenende könnte bereits viel erreicht werden.

Ein Willkommenskursus, wie ihn sich der Migrationsberater wünscht, hätte noch auf eine Weise Signalwirkung. Denn am liebsten würde er dafür einen Saal im Rathaus nutzen. „Damit würde man zeigen: Ihr seid ein Teil von uns. Wir wollen eure Integration voll unterstützen“, erläutert Tuncer. Mit Grußworten des Bürgermeisters und einer kostenlosen Verpflegung wie bei anderen Empfängen könnte dieser Effekt noch verstärkt werden.

Von einem „echten Integrationsprozess“ würden am Ende auch die Behörden profitieren, argumentiert Tuncer weiter. Wären die Menschen besser informiert, hätten die Sachbearbeiter weniger Aufwand. „Ich hoffe, ein Bürgermeister sagt als Modellprojekt zu“, sagt Tuncer; in Norddeutschland sei ihm noch keine vergleichbare Aktion bekannt.

Dabei könnte ein solches Projekt auch aus strategischer Sicht interessant sein: Bei den anstehenden Kommunalwahlen sind auch andere EU-Staatsbürger wahlberechtigt. „Türken nicht, obwohl sie seit teils 60 Jahren hier leben“, merkt Tuncer einen Kritikpunkt an.

Um die politische Teilhabe zu fördern, wollen sich die Blickwechsel in einer der kommenden Ausgaben unter anderem mit Wahlplakaten auseinandersetzen. „Die Kommunalwahl hat für uns eine große Bedeutung. Die Ausländer müssen sich gegen die AfD, menschenverachtende und rechtsextreme Ideologien stellen“, betont Tuncer. Ausländern müssten deshalb Wege gezeigt werden, demokratische Parteien zu wählen und sich in ihnen zu engagieren.

Das Blickwechsel-Magazin soll quartalsweise erscheinen und punktuell auch in anderen Sprachen. Es wird über einen E-Mail-Verteiler verschickt, in dem laut Tuncer rund 650 Menschen eingetragen sind.